Borov Vrh

Borov-Vrh-Urwald, Kroatien

Der Einfluss des Menschen auf die europäischen Wälder hat zum Aussterben vieler Waldtypen in ihrer ursprünglichen Form geführt. Die Balkanhalbinsel beherbergt noch aufgrund der späten Industrialisierung vielleicht die letzten Wildnisse Europas, neben dem Kaukasus, Russland und Fennoskandinavien. Auch wenn die einst ausgedehnten Urwälder hier größtenteils erst in den letzten ein oder zwei Jahrhunderten abgeholzt wurden, ist die heutige Abholzung in der gesamten Region eine zerstörerische, gewinnorientierte Praxis. Trotz der politischen Korruption, die viele großartige Wälder in Südosteuropa zerstört hat, gibt es immer noch einzigartige, geschützte Ökosysteme, die sonst nirgendwo auf der Erde zu finden sind. Eines der schönsten noch verbliebenen Beispiele für eine solche Oase findet sich an den Küstenhängen des Velebit-Gebirges, wo große Wälder aus Schwarz-Kiefer (Pinus nigra) immer noch ungestört wachsen.

Diese Kiefernwälder sind meistenteils im Nationalpark Nördlicher Velebit und im Nationalpark Paklenica geschützt und gehören teilweise zum Weltnaturerbe „Alte Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas“. Diese Art von Kiefernwald gilt heute als Relikt, da sie einst weitaus verbreiteter war. Im Nationalpark Nördlicher Velebit besiedeln diese Bäume Höhenlagen von fast Meereshöhe bis hinauf auf etwa 1200 m. Es gibt mehr als ein Gebiet mit unberührtem Kiefernwald im Park, aber der hier beschriebene Wald ist ein großer Komplex, der als „Borov Vrh“ („Kiefernspitze“) bekannt ist. Es gibt keine Wanderwege zu diesem Waldgebiet. Um das Gebiet zu besuchen muss man einen Führer des Naturparks Velebit oder des Nationalparks Nördlicher Velebit finden.

Rund um den Borov Vrh, in Höhenlagen von 800 bis 1100 m, bedecken uralte Kiefern Täler, Hänge und Bergrücken, wobei sich in jedem dieser Standorte Bäume mit unterschiedlichen Merkmalen entwickeln. Die mittleren Jahrestemperaturen liegen über 7°C und die jährliche Niederschlagsmenge übersteigt 1500 mm. Der Boden variiert von relativ tief bis fast vollständig felsig, wobei einige Bergrücken aus steilen Klippen bestehen. Das wärmere und weniger feuchte Klima hier schafft eine völlig andere Welt als die kühleren und feuchteren Wälder, die nur wenige Kilometer tiefer in den Bergen zu finden sind.

Offener Kiefernwald mit großen Bäumen und üppigem Gras an den sanften Hängen eines kleinen Tals auf ca. 1000 m

Trotz des gut erhaltenen unberührten Zustands finden sich an einer Seite des Urwaldrandes Überreste bedeutender kultureller und historischer Stätten. In vielen Teilen des Velebit gibt es zahlreiche Ruinen und verlassene Siedlungen. Dabei handelt es sich um Überreste meist saisonaler Behausungen der Nomaden des Velebit, die im Rahmen jährlicher Wanderungen den Berg hinauf- und hinabzogen. Einige dieser Behausungen waren recht groß und umfassten feste Wohnstätten, in denen Familien lebten. Diese Spuren menschlicher Besiedlung sind, obwohl sie als kleine Geisterstädte völlig verlassen sind, von enormem Wert als kulturelle Überreste des indigenen kroatischen Lebens. In alten Brunnen, Mauern und verfallenden Häusern ist es faszinierend die Prozesse der Waldregeneration zu beobachten, während junge Bäume aus den Rissen zwischen den Steinen sprießen. Der endlose Kreislauf von Verfall und Erneuerung erinnert an die Vergänglichkeit aller Dinge. Noch heute sind einige Einheimische des Velebit dafür bekannt, dass sie den gesamten Berg an einem Tag ohne große Mühe hinauf- und hinabsteigen und dabei mühelos einen Höhenunterschied von mehr als 1500 m überwinden. Die Kiefern dienten in erster Linie der Gewinnung von „Paklina“, also Kiefernharz, das als Salbe für Verletzungen, als Brennstoff für Fackeln sowie zum Teeren von Holzbooten verwendet wurde. Die Bäume wurden nicht als Brennholz oder für den Bau genutzt, was erklärt, warum kein menschlicher Einfluss im Urwald zu sehen ist, abgesehen von einigen Kiefern an den Rändern, die Narben aufweisen, wo einst Harz gewonnen wurde.

Die fast ausschließlich aus Schwarzkiefern bestehenden Wälder sind offen und weisen je nach Standort sowohl hohe Bäume mit geraden Stämmen als auch knorrige und verkümmerte Exemplare auf. Die auffälligen Farbtöne der rötlichen Stämme und der tiefgrünen Grasbedeckung werden nur durch die strahlend weißen Felsen unterbrochen. Dank des relativ offenen Waldbodens lässt es sich durch diese uralten Bestände so leicht spazieren wie durch einen Park. Die dichten und komplexen Baumkronen bilden einen starken Kontrast zu den offenen und luftigen Flächen um ihre Stämme herum, die es ermöglichen, mit ungehinderter Klarheit tief in die Wälder hinein zu blicken. Die Kronenstrukturen einiger dieser Kiefern gehören zu den einzigartigsten aller Vertreter ihrer Art, die auf dem Velebit zu finden sind. Geformt durch den Bergschnee, die Sonne des adriatischen Sommers und die Einwirkung des starken „Bura“-Windes, der die Küstenhänge des Velebit hinunter braust, sind die Bestände riesiger „Bonsai“-Bäume an exponierten Standorten am ausgeprägtesten. An exponierten Stellen verzweigen sich einige Kiefern in einer Höhe von nur 1–2 m zu einer fast 30 m breiten Krone. Die Wälder an den unteren Hängen und in geschützten Tälern sind wie Kathedralen; dort sind die Baumstämme wie Säulen und horizontale Äste bilden breite und dichte Kronen. An günstigen Standorten können die Kiefern regelmäßig einen Brusthöhendurchmesser von über 1 m erreichen, wobei einige Exemplare deutlich größer sind. Einige Bäume sind über 30 m hoch.

Im Allgemeinen scheinen Windstörungen im Gebiet von Borov Vrh trotz der starken Küstenwinde relativ selten zu sein, da die Kiefern niedriger sind und selbst bei den heftigsten Stürmen nur selten entwurzelt werden. Allerdings kommt es zu Waldbränden an diesen Küstenhängen, und diese sind nach wie vor die häufigste natürliche Ursache für Störungen am Borov Vrh. Wahrscheinlich hat die Schwarz-Kiefer von diesen gelegentlichen Bränden profitiert, da die Brände die Rotbuche (Fagus sylvatica) im größten Teil des Gebiets verdrängt haben. Weiter im Landesinneren werden Brände äußerst selten und spielen bei natürlichen Störungen kaum eine Rolle. In Borov Vrh wechseln sich je nach Lage und Exposition gelegentlich mit den Kiefernwäldern alte Buchenbestände ab, die im Vergleich zum Kiefernwald kleinere Fläche bedecken (Bild rechts). Die üppigen Buchenbestände inmitten eines Kiefernmeeres bieten jedoch eine selten anzutreffende Vielfalt.

Die größten Buchen sind von imposanter Größe; viele von ihnen haben einen Brusthöhendurchmesser von über 330 cm und eine Höhe von über 35 m. Ein Baum am Rande des Urwalds hat einen Brusthöhendurchmesser von etwa 480 cm und zeichnet sich durch einen massiven horizontalen Ast aus. Dieser Ast könnte darauf hindeuten, dass der Baum an einer Lichtung zu wachsen begann, was ihm möglicherweise ermöglichte, breiter und niedriger zu wachsen. Es gibt jedoch andere Buchen, die nur geringfügig kleiner sind und eindeutig im Wald gewachsen sind, mit hohen, geraden Stämmen.

Der Wald von Borov Vrh ist von großer Bedeutung für das Verständnis sowohl der Artenverteilung als auch der Klimageschichte der Region. Seine Abgeschiedenheit, sein Erhaltungszustand und die Vielfalt seiner Lebensräume werden nur noch von seiner Einzigartigkeit übertroffen. Als einer der letzten unberührten Schwarz-Kiefernküstenwälder weltweit bietet er einen seltenen Einblick in eine weitgehend vergessene Lebenswelt.

DJ (Übersetzung KR)

Quelle:

https://hrcak.srce.hr/257007